Vom Putzerfisch im Haifischbecken

Es soll Winzer geben, die Wein im Blut haben. Bei den Blättners ist es eher Hydrauliköl – und vielleicht ein bisschen Elektronik. Mit Blick auf Industrie 4.0 ist das genau die richtige Mischung, findet Geschäftsführer Alexander Blättner

Datum: 05/09/2018 12:00am
Kategorien: 25 Jahre, Jubiläum, Interview
Vom Putzerfisch im Haifischbecken

Wenn es zwei Menschen 25 Jahre miteinander aushalten, gratuliert man anerkennend, feiert Silberhochzeit und bringt Geschenke mit. Aber was macht man, wenn ein Geschäftsführer sein Unternehmen über 25 Jahre führt? Wir haben uns entschieden, zunächst zu gratulieren, dann ein paar fiese Fragen zu stellen und dennoch zu hoffen, aufs Jubiläumfest eingeladen zu werden. Mal sehen, ob das klappt.

Lieber Herr Blättner, zunächst: Herzlichen Glückwunsch! Wir feiern in diesem Jahr 25 Jahre Presstec – aber eigentlich ist das nur die halbe Wahrheit. Die Familiengeschichte ist mit Umformtechnik noch viel länger verknüpft …
Ja, aber das ist eine lange Geschichte mit Höhen und Tiefen, mit Schicksalsschlägen und Überraschungen.

Wir haben Zeit. Legen Sie einfach los!
Dann gehen wir gedanklich mal ins Deutschland nach dem Krieg zurück. Zur Umformtechnik ist mein Großvater Hermann eigentlich über Umwege gekommen. Er war Chemiker und Kunststoffpionier. Der Kleber, der Spanplatten zusammenhält, der ist von ihm. Auch ein spezieller Kunststoff für Billardkugeln. Nach dem Krieg aber waren andere Dinge gefragt – vor allem in der Industrie! Es gab so viel zu investieren, da die Alliierten die Industrie in Deutschland demontiert hatten, sodass daraus in den 1950er-Jahren ein Unternehmen wurde. Der Handel mit gebrauchten Pressen: Das Geschäft brummte.

War für Sie immer klar, dass Sie die „Familientradition“ fortführen?
Ja und nein. Mein Vater war als Ingenieur klasse, nicht aber als Kaufmann. So geriet das Unternehmen in Schieflage und ich habe als junger Ingenieur 1993 wieder bei null anfangen müssen. Es gab natürlich noch die Verbindungen in die Branche, ich habe mit erfahrenem Personal starten können – aber es war ein Neustart.

Wie muss man sich das abends bei Blättners vorstellen: Während andere über neue Autos oder Motorräder diskutieren, habt ihr über Schulers, Müller Weingartens und SMS’ neue Anlagen gesprochen?
Gibt es ein mittelständisches Unternehmen, in dem privat nicht auch mal über die Firma gesprochen wird? Mir hat das geholfen. Man bekommt doch eine Ahnung davon, was an Herausforderungen anfällt und wie man damit umgeht. Die Technik ist dabei das Kleinste, denn Technik ist beherrschbar. Eher geht es um menschliche Aspekte und dabei, wie man sich Herausforderungen stellt.

Als Sie Presstec 1993 gegründet haben, suchte die Welt eine neue Ordnung. Der europäische Binnenmarkt war am 1. Januar in Kraft getreten, Bill Clinton wurde als US-Präsident vereidigt und wirtschaftlich offenbarten sich nach dem Kollaps des Ostblocks unglaublich viele Chancen. Was davon war für Sie am wichtigsten?
Ganz ehrlich? Dass wir einfach einen guten Start hinbekommen. Vertrauen war dafür ein großes Thema. Vonseiten der Kunden wie vonseiten der Mitarbeiter. Das Ende des Ostblocks war in den folgenden Jahren sicher ein großes Thema und von Europas Einigung haben wir in Kehl natürlich profitiert. Wir haben bis heute viele Mitarbeiter aus dem Elsass und arbeiten intensiv mit der Industrie im Elsass und anderen Teilen Frankreichs zusammen.

Was war für Sie der Auslöser, um Presstec zu gründen?
Ich habe Maschinenbau und Metallurgie studiert, zudem Betriebswirtschaft. Ich habe als junger Mann miterlebt, welchen Bedarf es im Bereich der Umformtechnik gibt. Inzwischen sind wir für namhafte Unternehmen die Nummer eins, wenn es um die Weiterentwicklung und Modernisierung von Pressen jeder Größe und Bauart geht. Erst vergangene Woche haben wir einen weiteren großen Auftrag bekommen, der die Bedeutung von Presstec für die europäische Automobilindustrie beweist. Es geht um die Modernisierung einer Anlage mit einem Auftragsvolumen von vielen Millionen Euro.

Wann kam Presscontrol dazu – und mit welcher strategischen Überlegung?
Im Prinzip von Anfang an. Es war schon 1993 klar, dass die mechanischen Aspekte nur eine Seite der Medaille sind. Heute machen Software, Steuerung und Elektrotechnik bei einigen Projekten sogar den Löwenanteil aus.

Es heißt, wenn man eine Firma gründet, richtet man den Businessplan dreimal neu aus. War das bei Ihnen auch so?
Das Unternehmen hat sich verändert über die Jahre, es ist immer den Bedürfnissen des Marktes angepasst worden. Aber dass wir jetzt alles auf den Kopf gestellt hätten – nein. Wir haben uns einfach weiterentwickelt.

Im Grunde haben Sie das Rad neu erfunden: mit Elastogear, das den Verschleiß beim Arbeiten großer Zahnräder minimiert. Klingt für mich nach einer Erfindung, durch die man später nie wieder arbeiten muss?
Das hätte es sein können. Aber wir waren zu klein, um ein neues Verfahren zum Standard werden zu lassen. Auch wenn Elastogear im Vergleich zu anderen Zahnrad-Layouts viele Vorteile aufweist, man muss so etwas am Markt auch durchsetzen können. Und dafür waren wir als mittelständisches Unternehmen einfach zu klein.

Sie schwimmen in einem Haifischbecken. Um Sie herum: Konzerne und Großunternehmen. Ist Presstec so etwas wie der Putzerfisch für die Welt der Umformer?
Das ist ja mal eine Metapher! Ein Putzerfisch? Vielleicht haben wir so angefangen. Als reiner Dienstleister, der sich um die kleinen Probleme der ganz Großen gekümmert hat. Inzwischen aber sind wir ein Lösungsanbieter, der mehr zu bieten hat.  Ich glaube: Wir sind heute eher wie ein Delfin? Wendig und schnell, sympathisch und selbstbewusst.

Und wie sieht die Zukunft von Presstec aus?
Wir sind sehr zuversichtlich. Unser Image am Markt war nie besser. Wir haben dieses Jahr mehrere große Aufträge im siebenstelligen Bereich erhalten und zusehends ist Europa unser Markt. Wir sind zum Beispiel in Stuttgart und in Köln tätig – aber eben auch in Rumänien oder England. Und: Das Thema Industrie 4.0 spielt uns in die Karten. Wir werden gebraucht, um Presswerke zu digitalisieren. Unsere Technik und unser Know-how verschaffen Wettbewerbsvorteile und steigern die Effizienz vorhandener Anlagen. Von daher bin ich sehr zuversichtlich, auch wenn sich aus diesen Erfolgen auch Herausforderungen ergeben. Beim Thema Recruiting zum Beispiel. Das ist schon schwieriger geworden als vor ein paar Jahren.

Ihr Jubiläumslogo sagt: Press Play. Wenn ich das frei übersetze, heißt es so viel wie „Drück auf Start“ – und alles läuft. Presstec als Kümmerer, als Lösungsanbieter. Richtig interpretiert?
Genau. Wir bieten quasi schlüsselfertige Lösungen und gehen sehr individuell auf das ein, was unsere Kunden brauchen. Wir setzen technische Anforderungen nicht nur theoretisch um, sondern konstruieren und realisieren. Wir lassen die neuen wie die überarbeiteten Pressen und Anlagen bei uns in Kehl zur Probe laufen, wenn sie nicht zu groß sind, und wissen, dass sie dann auch vor Ort sofort einsatzbereit sind. Das ist Plug and Play mit Maschinen, die ein paar hundert Tonnen wiegen. Und darauf kann man sich verlassen.

Es wäre fahrlässig, wenn wir nicht auch die dunklen Wolken am Himmel sähen. Wir leben in einem Land, dem die Arbeitnehmer ausgehen. Was heißt das für Presstec?
Ich sehe uns hier gut aufgestellt. Wir investieren in die Ausbildung junger Menschen und wir achten darauf, interessante Aufgaben und ein motivierendes Umfeld zu bieten. Es macht bei uns Spaß, im Team Erfolge zu feiern. Man hat die Chance, etwas zu erreichen, und genau das transportieren wir auch mit unserer Arbeitgebermarke nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber.

Sie haben Kinder. Wann sehen wir die nächste Generation der Umform-Blättners auf Messen und Veranstaltungen?
Schon heute! Mein Sohn Marvin war in Stuttgart schon mit dabei, auch meine Frau Selma. Das Interesse für die Umformtechnik ist auf jeden Fall da – alles andere wird die Zukunft zeigen.

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